Kunstgraben: Sabotage-Spielchen gegen Traditions-Erhalt
(Goslarsche Zeitung, 7. April 2000)

LANGELSHEIM. Seit 1570 gibt es den Lautenthaler Kunstgraben. Er ist ein wesentlicher Bestandteil Lautenthaler und Oberharzer Bergbaugeschichte. Weil der Verfall drohte, wurde dem Harzklub Lautenthal Ende 1998 die Instandhaltung übertragen. Viele der seit damals durchgeführten Arbeiten werden von einem Unbekannten regelmäßig sabotiert.

Die Geschichte liest sich wie ein schlechter Kriminalroman, wenn der erste Vorsitzende des Harzklubs, Horst Edert, von seinen Erlebnissen in den vergangenen 16 Monaten berichtet. Ein Blick zurück: Bis 1967 war der Kunstgraben in Betrieb, von Wildemann bis in die Nähe des „Waldkater“ führte er Wasser für die Antriebsräder der Gruben heran, weil das Wasser der Laute und der bestehenden Teiche nicht ausreichte. Entlang der 8,4 Kilometer langen Strecke verläuft ein Wanderweg. Der Graben selbst besitzt eine Sohle, die aus Lehm und Ton besteht, seitlich sind Steine aufeinandergesetzt.

Seit dem Betriebsende der Lautenthaler Silberhütte Ende des Jahres 1967 verfiel der Graben; eine Instandsetzung erfolgte im Herbst ’98, 60000 DM wurden von der Forst investiert, um den Abschnitt zwischen Hölltal und Osterfeuerplatz, immerhin 3,4 Kilometer, wieder herzustellen. Am 9. Dezember ’98 übernahm der Harzklub Lautenthal die Obhut, Heinz Oberbeck wurde als ehrenamtlicher „Grabensteiger“ verpflichtet. Seitdem wandert Oberbeck dreimal in der Woche den Graben ab, nimmt mit seinen Freunden vom Harzklub Reparaturen vor.

Schon kurz nach der Übernahme lagen im Januar ’99 in der Nähe des Wasserfalls Fichtenspitzen im Graben. Weil sich das mehrfach wiederholte, versteckte sich Heinz Oberbeck an drei Tagen in der Nähe des Wasserfalls, um den Übeltäter zu überführen. Nichts passierte, aber wenige Tage später lagen wieder Baumspitzen im Wasser.

Das Spiel ging weiter. Kurz vor dem Lautenthaler Osterfeuerplatz befindet sich ein „Fehlschlag“, eine Ableitung, die früher dazu diente, die Turbinen des Lautenthaler Grubenkraftwerks anzutreiben. Das Rohrsystem war für Kinder zugänglich. Um Verletzungsgefahren zu vermeiden, wurde der Zugang mit Holzbrettern versperrt. Kurz darauf waren die Bretter aus ihrer Verankerung gerissen. Die Helfer des Harzklubs richteten alles wieder her – wenige Wochen später wiederholte sich alles.

Bei der dritten Reparatur wurden Eisenstangen im Erdreich befestigt, die Holzbohlen wurden stärker, auf die Bretter wurde Stacheldraht genagelt. Anfang März dieses Jahres hatte der Saboteur erneut alles zerstört. Weil Schmauchspuren und eine Lunte gefunden wurden, gehen die Harzklubmitglieder davon aus, dass auch Sprengstoff zur Zerstörung eingesetzt wurde.

Aber nicht nur bei diesem Fehlschlag, auch am Wasserfall spielten sich im letzten Jahr unverständliche Dinge ab. Um sicherzustellen, dass der Graben nicht austrocknet, werden bei Hochwasser von Heinz Oberbeck Holzbohlen aus der Führung gezogen, bei Niedrigwasser werden sie eingesetzt. Die Bohlen sind starke Holzbretter, die in eine Metallschiene gesteckt sind. Im letzten Jahr wurden von dem Unbekannten mehrfach die Bretter wieder eingesetzt, obwohl sie vom Harzklub vorher herausgenommen wurden. Als der Harzklub die Bohlen wegnahm, setzte der Saboteur selbst zugeschnittene Bretter in die Führungsschienen ein. Auch oberhalb des Wasserfalls wurde der Graben verwüstet. Schwere Steine, die nicht von Kindern gehoben werden können, wurden aus der Mauer herausgebrochen und in das Wasser gelegt.

Horst Edert und Heinz Oberbeck verstehen das alles nicht. Sie wollen mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit die letzten Überreste bergmännischer Tradition erhalten. Wanderer und Besucher sollen sich an dem Kunstgraben erfreuen. „Wer den Graben zerstört, vernichtet auch Lautenthaler Geschichte“, sagt Edert. Einen Hinweis auf den Täter haben sie nicht. Ist es jemand, der aus Spaß an der Zerstörung sein Unwesen treibt oder ein Neider, der glaubt, dass die mit Forst und Harzwasserwerken abgesprochenen Reparaturen falsch ausgeführt werden? Noch schreckte der Harzklub vor einer Strafanzeige zurück; vermutlich sei dies aber doch das letzte Mittel, um dem Saboteur das Handwerk zu legen. kra